Warum Überlastung im Team nicht allein eine Frage persönlicher Resilienz ist – und weshalb auch die gemeinsamen Rahmenbedingungen Aufmerksamkeit brauchen.
Nach zwei intensiven Wochen voller neuer Eindrücke, Begegnungen und ganz anderer Rhythmen bin ich wieder zurück aus Sansibar.
Solche Unterbrechungen zeigen mir immer wieder, wie anders wir auf unseren Alltag schauen können, wenn wir für eine Weile aus ihm heraustreten.
Und vielleicht passt deshalb gerade heute ein Thema besonders gut, das mir auch in meiner Arbeit mit Teams immer wieder begegnet:
Was passiert eigentlich, wenn alle funktionieren – aber kaum noch jemand innehält?
Stell Dir eine ganz normale Arbeitswoche vor.
Ein Projekt verzögert sich. Eine Kollegin fällt kurzfristig aus. Das Postfach ist bereits am Montagvormittag voller als geplant, und zwischen zwei Besprechungen kommt noch eine Aufgabe dazu, mit der niemand gerechnet hat.
Im Team wird organisiert, verschoben und aufgefangen.
„Ich übernehme das noch.“
„Das bekommen wir schon irgendwie hin.“
„Für diese Woche geht es noch.“
Solche Sätze entstehen nicht unbedingt, weil Menschen ihre Grenzen nicht kennen.
Oft entstehen sie, weil sie Verantwortung übernehmen.
Weil sie ihre Kolleginnen und Kollegen nicht hängen lassen möchten.
Weil die Arbeit erledigt werden muss.
Und weil engagierte Menschen häufig erstaunlich lange Lösungen finden, auch wenn die Bedingungen längst schwierig geworden sind.
Von außen kann dadurch der Eindruck entstehen:
Es funktioniert doch.
Die Aufgaben werden erledigt. Kund:innen, Bewohner:innen, Schüler:innen oder andere Menschen werden weiterhin versorgt. Termine finden statt. Projekte laufen weiter.
Doch genau darin kann ein Problem liegen.
Wenn alle immer wieder auffangen, improvisieren und zusätzlich Verantwortung übernehmen, wird möglicherweise lange gar nicht sichtbar, wie hoch die tatsächliche Belastung bereits ist.
Dann braucht es irgendwann jemanden, der nicht nur fragt:
„Wie bekommen wir das noch geschafft?“
Sondern auch:
„Wie geht es uns eigentlich mit der Art, wie wir gerade arbeiten?“
Wenn persönliches Durchhalten strukturelle Belastung verdeckt
Resilienz ist in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Begriff in der Arbeitswelt geworden.
Menschen sollen lernen, mit Stress umzugehen, ihre Ressourcen wahrzunehmen, Grenzen zu erkennen und nach Belastungen wieder in eine gute Balance zu finden.
All das kann sinnvoll sein.
Ich arbeite selbst mit Themen wie Stresswahrnehmung, Achtsamkeit, Regeneration und persönlichen Handlungsmöglichkeiten.
Doch mir ist eine Unterscheidung besonders wichtig:
Nicht jede Überlastung lässt sich auf der persönlichen Ebene lösen.
Wenn regelmäßig Personal fehlt, Prioritäten unklar sind, ständig zusätzliche Aufgaben hinzukommen oder Zeitvorgaben dauerhaft kaum einzuhalten sind, kann ein Mensch noch so achtsam mit sich umgehen – die Rahmenbedingungen bleiben trotzdem belastend.
Ein Workshop kann keine fehlende Stelle ersetzen.
Eine Meditation kann keinen unrealistischen Dienstplan verändern.
Und ein Mensch sollte nicht den Eindruck bekommen, er müsse lediglich belastbarer werden, damit schwierige Bedingungen weiterhin funktionieren.
Persönliche Resilienz kann unterstützen.
Sie darf aber nicht dazu benutzt werden, strukturelle Probleme ausschließlich zur Aufgabe einzelner Mitarbeitender zu machen.
Warum Überlastung manchmal lange unsichtbar bleibt
Gerade in engagierten Teams passiert etwas Interessantes:
Menschen gleichen vieles miteinander aus.
Eine Kollegin übernimmt noch eine Aufgabe.
Jemand bleibt etwas länger.
Eine Führungskraft springt selbst ein.
Ein anderer verschiebt seine Pause.
Kurzfristig kann genau diese Flexibilität eine große Stärke sein.
Teams brauchen die Fähigkeit, auf unerwartete Situationen reagieren zu können.
Problematisch wird es erst, wenn aus der Ausnahme langsam der Normalzustand wird.
Wenn ständig jemand einspringen muss.
Wenn Pausen regelmäßig ausfallen.
Wenn Prioritäten zwar dringend wären, aber alles gleichzeitig wichtig bleibt.
Oder wenn niemand mehr genau weiß, welche Aufgabe eigentlich weggelassen werden darf.
Dann kann ein Team nach außen weiterhin leistungsfähig erscheinen und gleichzeitig innerlich immer weniger Spielraum haben.
Und oft bemerkt man das nicht an einem einzigen großen Ereignis.
Es zeigt sich zunächst in kleinen Veränderungen.
Gespräche werden kürzer.
Geduld nimmt ab.
Missverständnisse häufen sich.
Menschen ziehen sich zurück.
Oder alle konzentrieren sich nur noch darauf, die eigenen Aufgaben irgendwie zu bewältigen.
Das bedeutet nicht automatisch, dass ein Team schlecht zusammenarbeitet.
Vielleicht arbeitet es sogar besonders engagiert.
Aber Engagement allein schützt nicht vor Überlastung.
Nicht jede Belastung ist ein persönliches Problem
Wenn Menschen erschöpft sind, suchen wir verständlicherweise nach Lösungen.
Mehr Pausen.
Besseres Zeitmanagement.
Entspannung nach der Arbeit.
Grenzen setzen.
Früher Nein sagen.
Diese Dinge können hilfreich sein.
Doch manchmal lautet die wichtigere Frage:
Was müsste sich in unserer Zusammenarbeit verändern, damit nicht jede einzelne Person ständig kompensieren muss?
Vielleicht fehlen klare Prioritäten.
Vielleicht sind Verantwortlichkeiten nicht eindeutig.
Vielleicht wird erwartet, dass jede Anfrage sofort erledigt wird.
Vielleicht gibt es Aufgaben, die historisch gewachsen sind, aber längst überprüft werden sollten.
Oder das Team weiß schlicht nicht, wie belastet die anderen tatsächlich sind.
Genau deshalb finde ich es wichtig, persönliche und strukturelle Ebene nicht gegeneinander auszuspielen.
Es geht nicht darum zu sagen:
„Der Einzelne kann nichts verändern.“
Aber ebenso wenig:
„Jeder muss eben besser auf sich achten.“
Beides greift zu kurz.
Menschen haben eigene Handlungsmöglichkeiten.
Und gleichzeitig arbeiten sie innerhalb von Bedingungen, auf die sie unterschiedlich viel Einfluss haben.
Gesunde Zusammenarbeit entsteht dort, wo beides betrachtet werden darf.
Was passiert, wenn niemand mehr innehält?
In einem vollen Arbeitsalltag wirkt Innehalten manchmal beinahe wie Zeitverschwendung.
Es gibt schließlich genug zu tun.
Warum also noch eine Besprechung?
Warum über Belastung sprechen, wenn dadurch die Arbeit auch nicht verschwindet?
Doch genau hier kann ein Missverständnis entstehen.
Innehalten bedeutet nicht, stundenlang Probleme zu analysieren.
Manchmal reichen bereits wenige Minuten, um Informationen sichtbar zu machen, die im täglichen Funktionieren untergehen.
Zum Beispiel:
Wer arbeitet momentan bereits am Limit?
Welche Aufgabe bindet unverhältnismäßig viel Zeit?
Wo fehlen Entscheidungen?
Welche Erwartungen sind unklar?
Was machen wir gerade nur deshalb weiter, weil wir es schon immer so gemacht haben?
Und vor allem:
Was können wir tatsächlich beeinflussen – und was nicht?
Nicht jede dieser Fragen lässt sich sofort beantworten.
Aber wenn niemand sie stellt, wird häufig einfach weitergemacht.
Bis eine einzelne Person nicht mehr kann.
Oder mehrere.
Ein kleiner Impuls für Eure nächste Teambesprechung
Vielleicht möchtest Du in einer der nächsten Besprechungen eine kleine Frage ausprobieren.
Nicht als großes Stimmungsbarometer.
Nicht als psychologische Analyse.
Sondern als kurze Bestandsaufnahme.
Fragt Euch:
„Wie hoch erleben wir unsere aktuelle Arbeitsbelastung – von 1 bis 10?“
Dabei bedeutet 1: gerade sehr gut bewältigbar.
10 bedeutet: momentan kaum noch Spielraum.
Jede Person kann eine Zahl nennen, wenn sie möchte.
Wichtig ist anschließend nicht, sofort eine perfekte Lösung zu finden.
Interessanter sind zunächst drei Fragen:
Was fällt uns dabei auf?
Liegt das Team ungefähr ähnlich oder erleben einzelne Personen die Situation völlig unterschiedlich?
Was belastet uns gerade besonders?
Ist es die Arbeitsmenge, fehlende Information, Zeitdruck, Personalausfall oder etwas anderes?
Was könnten wir diese Woche tatsächlich beeinflussen?
Vielleicht lässt sich eine Aufgabe verschieben.
Vielleicht braucht es eine klare Priorisierung.
Vielleicht wird deutlich, dass aktuell gar keine zusätzliche Aufgabe übernommen werden kann.
Oder es zeigt sich, dass die Belastung zwar hoch ist, aber momentan keine schnelle Veränderung möglich ist.
Auch diese Information ist wichtig.
Denn Wahrnehmen allein löst ein Problem noch nicht.
Aber ohne Wahrnehmung können wir kaum sinnvoll entscheiden, was wir verändern möchten.
Warum ein externer Rahmen manchmal hilfreich sein kann
Innerhalb eines Teams gibt es Rollen.
Führungskräfte tragen andere Verantwortung als Mitarbeitende.
Kolleg:innen arbeiten möglicherweise schon viele Jahre miteinander.
Es gibt Erfahrungen, Gewohnheiten und manchmal Themen, die im Alltag schwierig anzusprechen sind.
Ein externer Workshop kann deshalb einen anderen Rahmen schaffen.
Nicht, weil jemand von außen besser weiß, wie ein Team arbeiten sollte.
Sondern weil für einige Stunden der gewöhnliche Ablauf unterbrochen wird.
In meinen Teamworkshops geht es deshalb nicht darum, Menschen möglichst viele Techniken gegen Stress mitzugeben.
Ich möchte zunächst verstehen:
Was beschäftigt dieses Team?
Welche Belastungen werden wahrgenommen?
Wo entstehen Missverständnisse oder wiederkehrende Schwierigkeiten?
Welche Ressourcen sind bereits vorhanden?
Und welche Veränderungen liegen überhaupt im Einflussbereich der Beteiligten?
Je nach Auftrag können wir uns mit Stressregulation, Kommunikation, persönlichen Grenzen, Wahrnehmung, Regeneration oder konkreten Teamthemen beschäftigen.
Manchmal braucht ein Team praktische Übungen.
Manchmal einen strukturierten Austausch.
Manchmal werden Dinge sichtbar, die anschließend intern weiterbearbeitet werden müssen.
Und manchmal zeigt sich auch deutlich, dass ein Thema nicht durch einen Workshop gelöst werden kann, sondern Entscheidungen auf organisatorischer Ebene braucht.
Auch das gehört für mich zu einer ehrlichen Arbeit mit Teams.
Resilienz sollte nicht bedeuten: "Halt noch ein bisschen länger durch."
Vielleicht liegt genau hier der entscheidende Unterschied.
Resilienz bedeutet für mich nicht, Menschen so widerstandsfähig zu machen, dass sie immer mehr aushalten können.
Es geht auch darum, Belastung wahrzunehmen.
Eigene Handlungsmöglichkeiten zu erkennen.
Grenzen ernst zu nehmen.
Regeneration zu ermöglichen.
Und gemeinsam zu prüfen, welche Bedingungen verändert werden können.
Denn ein starkes Team ist nicht eines, in dem niemand jemals müde, überfordert oder unsicher wird.
Es ist auch nicht das Team, das jede schwierige Phase schweigend kompensiert.
Vielleicht zeigt sich Stärke vielmehr darin, Belastung ansprechen zu können, bevor aus einer vorübergehend schwierigen Phase ein dauerhafter Zustand wird.
Und darin, nicht automatisch die einzelne Person zum Problem zu erklären.
Manchmal braucht nicht der Mensch mehr Widerstandskraft. Manchmal braucht das Umfeld Veränderung.
Wenn Ihr Euch als Team Zeit zum Innehalten nehmen möchtet
Unter dem Schwerpunkt
Resilienz & Teamstärkung – Starke Menschen. Tragfähige Teams.
gestalte ich Workshops für Unternehmen, soziale Einrichtungen und Teams.
Dabei kann der Schwerpunkt – je nach aktueller Situation – unterschiedlich gesetzt werden.
Bei mir bleiben
Eigene Belastungsgrenzen wahrnehmen, Stresssignale früher erkennen und Möglichkeiten für Regeneration und Selbstfürsorge entwickeln.
Miteinander statt nebeneinander
Kommunikation, gegenseitige Wahrnehmung und Zusammenarbeit im Team bewusster betrachten.
Gemeinsam tragfähig bleiben
Ressourcen im Team erkennen, Belastungen ansprechen und gemeinsam überlegen, was im eigenen Einflussbereich verändert werden kann.
Diese Schwerpunkte sind keine starren Programme.
Im Vorgespräch klären wir gemeinsam, was Euer Team gerade beschäftigt und welches individuelle Teamformat dazu passt.
Die konkrete Gestaltung kann Reflexionsimpulse, Wahrnehmungs- und Achtsamkeitsübungen, Austausch, praktische Übungen und alltagstaugliche Impulse beinhalten.
Rahmen
2 Stunden – 490 €
3 Stunden – 690 €
4 Stunden – 890 €
für Gruppen bis 20 Personen.
Enthalten sind Vorgespräch und Zielklärung, individuelle Konzeption, Vorbereitung, Aufbau, Materialien, Durchführung sowie eine kurze Nachbesprechung und Reflexion.
Für größere Gruppen erstelle ich ein individuelles Angebot.
Wenn Ihr Euch für einen Teamworkshop interessiert, sende ich Euch gerne meine ausführliche Übersicht mit möglichen Schwerpunkten, Inhalten und Rahmenbedingungen zu.
→ Teamworkshop unverbindlich anfragen
Am 15. November gehen wir bei diesem Thema noch einen Schritt weiter.
Denn der Begriff Resilienz wird schnell missverstanden.
Müssen Menschen tatsächlich lernen, immer mehr auszuhalten?
Oder geht es bei Resilienz vielleicht um etwas ganz anderes?
Der nächste Artikel heißt deshalb:
„Resilienz bedeutet nicht, noch mehr auszuhalten.“
Alles Liebe,
Tina
Vertrauen statt Angst
Wichtiger Hinweis
Meine Arbeit ersetzt keine Psychotherapie, keine ärztliche Diagnose und keine medizinische Behandlung. Sie kann ergänzend einen achtsamen Raum für Selbstwahrnehmung, Stressentlastung, innere Orientierung und gemeinsames Sortieren bieten.
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Kommentare
Liebe Tina,
genau diese Situation, wie du sie beschrieben hast, hatten wir Anfang des Jahres in der Firma. Nur, dass wir keine Gespräche gesucht haben und uns weiter durchgekämpft haben. Das Resultat war, dass drei Mitarbeiter das Unternehmen verlassen haben und eigene Wege gegangen sind. Mein ehemaliger Chef stemmt jetzt den Großteil alleine, weil er so schnell keine fähigen Mitarbeiter bekommt, die genauso effizient arbeiten und dadurch etliche Kunden verliert. Hätten wir früher über die Dauer-Belastung gesprochen, wäre alles vielleicht anders gekommen. Hinterher ist man immer schlauer.
Danke für deine Worte!
Sabrina
Liebe Sabrina,
vielen Dank, dass Du diese Erfahrung hier teilst. Genau solche Entwicklungen zeigen, warum es so wichtig ist, Belastung nicht erst dann anzusprechen, wenn kaum noch Spielraum da ist.
Und gleichzeitig finde ich Deinen letzten Satz sehr menschlich: Hinterher sieht man vieles klarer. Im laufenden Alltag merkt man oft gar nicht, wie sehr sich eine Ausnahmesituation nach und nach zum Normalzustand entwickelt.
Umso wichtiger ist es, Räume zu schaffen, in denen solche Dinge frühzeitig ausgesprochen werden dürfen – ohne Schuldzuweisung und ohne dass jemand erst „nicht mehr können“ muss.
Danke Dir für Deine Offenheit und Deine Worte. 🤍
Alles Liebe
Tina