Warum Du nicht jede Erkenntnis sofort umsetzen musst und wie bewusste Wahrnehmung Dir helfen kann, Deinen nächsten Schritt zu finden.
Stell Dir vor, Du sitzt in einer Besprechung.
Eine Kollegin äußert Kritik. Vielleicht ist sie berechtigt, vielleicht auch nicht. Jedenfalls bemerkst Du, wie sich etwas in Dir verändert.
Du wirst angespannt.
Deine Gedanken beginnen, nach einer Erklärung zu suchen.
Du möchtest Dich rechtfertigen, die Situation schnell auflösen oder einfach nur, dass das Gespräch möglichst bald vorbei ist.
Und plötzlich erkennst Du etwas.
„Moment. Genau so reagiere ich doch immer, wenn ich kritisiert werde.“
Vielleicht hast Du Dich erst vor wenigen Tagen mit diesem Verhalten beschäftigt.
Du hast darüber nachgedacht, woher Deine Reaktion kommen könnte. Vielleicht hast Du in einem Gespräch verstanden, dass Du Kritik manchmal unmittelbar mit der Frage verbindest, ob Du gut genug bist.
Jetzt erkennst Du das Muster wieder.
Eigentlich ein interessanter Moment.
Doch kaum hast Du es bemerkt, meldet sich schon der nächste Gedanke:
„Jetzt müsste ich doch endlich anders reagieren.“
Du versuchst, ruhig zu bleiben, die richtigen Worte zu finden und Dich nicht aus der Fassung bringen zu lassen.
Und plötzlich hast Du nicht nur mit der unangenehmen Situation zu tun.
Du stehst auch noch unter dem Druck, Deine neue Erkenntnis sofort richtig umsetzen zu müssen.
Dabei gibt es eine Frage, die wir uns an dieser Stelle viel zu selten stellen:
Darf ich etwas über mich erkennen, ohne es im selben Moment verändern zu müssen?
Wenn aus einer Erkenntnis eine neue Verpflichtung wird
Wir haben uns in den vergangenen Blogartikeln ausführlich damit beschäftigt, wie wiederkehrende Muster sichtbar werden und weshalb sich erst im Alltag zeigt, was eine Erkenntnis für uns bedeutet.
Doch genau darin kann eine neue Schwierigkeit entstehen.
Du hast etwas verstanden und möchtest dieses Wissen nun möglichst sinnvoll nutzen.
Also setzt Du Dir ein Ziel.
Beim nächsten Konflikt bleibe ich ruhig.
Beim nächsten Mal sage ich Nein.
Ich werde mich nicht mehr rechtfertigen.
Ich werde meine Grenzen früher wahrnehmen.
Solche Vorhaben können hilfreich sein.
Aber wenn daraus die Erwartung entsteht, ab sofort immer anders reagieren zu müssen, wird persönliche Entwicklung schnell zu einer weiteren Leistungsanforderung.
Du beobachtest Dich nicht mehr nur, um Dich besser kennenzulernen.
Du kontrollierst Dich, um möglichst keinen Fehler mehr zu machen.
Vielleicht bemerkst Du dann sogar, dass Du Dir nach jeder schwierigen Situation dieselbe Frage stellst:
„Warum habe ich es schon wieder nicht geschafft?“
Ich möchte Dir dazu einen anderen Gedanken anbieten:
Eine Erkenntnis ist zunächst eine Information über Dich. Kein Arbeitsauftrag.
Du darfst selbst entscheiden, was Du mit dieser Information anfangen möchtest.
Und manchmal braucht diese Entscheidung ein wenig Zeit.
Wahrnehmen bedeutet nicht, alles gutzuheißen oder sofort umzusetzen
Hier ist mir eine Unterscheidung besonders wichtig.
Wenn ich davon spreche, dass Du etwas zunächst beobachten darfst, bedeutet das nicht, dass Du eine belastende Situation hinnehmen musst.
Wenn jemand Deine Grenzen wiederholt missachtet, darfst Du handeln.
Wenn Arbeitsbedingungen dauerhaft überfordern, braucht es möglicherweise konkrete Veränderungen.
Wenn Du Dich in einer Situation bedroht fühlst, ist es wichtig, Deine Sicherheit ernst zu nehmen.
Achtsamkeit bedeutet nicht, passiv zu werden.
Sie bedeutet auch nicht, jedes unangenehme Gefühl auszuhalten oder jede schwierige Erfahrung mit einer ruhigen Haltung beantworten zu müssen.
Manchmal ist ein klares Nein notwendig.
Manchmal ein Gespräch.
Manchmal Unterstützung von außen.
Und manchmal ist der nächste sinnvolle Schritt tatsächlich, zunächst genauer zu beobachten.
Entscheidend ist, dass Du nicht automatisch aus dem Druck heraus handeln musst, sofort etwas an Dir selbst reparieren zu wollen.
Was geschieht, wenn Du zunächst nur hinschaust?
Kehren wir zu der Besprechung zurück.
Du bemerkst, wie angespannt Du auf die Kritik reagierst.
Vielleicht gelingt es Dir diesmal nicht, besonders ruhig zu bleiben.
Vielleicht rechtfertigst Du Dich wieder.
Oder Du sagst gar nichts und ärgerst Dich später über Dein Schweigen.
Du könntest diesen Moment anschließend als Misserfolg bewerten.
Du könntest aber auch neugierig werden.
Möglicherweise erkennst Du bei genauerem Hinsehen, dass Du auf berechtigte Kritik ganz anders reagierst als auf eine abwertende Bemerkung.
Vielleicht stellst Du fest, dass Du in einem persönlichen Gespräch gut mit Rückmeldungen umgehen kannst, während Du Dich vor einer Gruppe schnell unter Druck gesetzt fühlst.
Das sind Unterschiede, die Dir vorher möglicherweise nicht bewusst waren.
Und sie könnten wichtig sein, bevor Du entscheidest, was Du verändern möchtest.
Denn vielleicht geht es gar nicht darum, grundsätzlich gelassener zu werden.
Vielleicht möchtest Du lernen, in einer bestimmten Situation eine Rückfrage zu stellen.
Vielleicht möchtest Du sachliche Kritik besser von persönlichen Bewertungen unterscheiden.
Oder Du erkennst, dass Du in diesem konkreten Fall guten Grund hattest, Dich über die Art der Rückmeldung zu ärgern.
Nicht jede unangenehme Reaktion ist ein persönliches Defizit.
Manchmal weist sie Dich auf etwas hin, das Deine Aufmerksamkeit verdient.
Du bist mehr als Dein Verhalten in einem einzelnen Moment
Wenn wir beginnen, uns selbst genauer zu beobachten, besteht die Gefahr, dass wir plötzlich überall Muster entdecken.
Du sagst einmal Ja, obwohl Du Nein meintest.
Schon denkst Du: „Da ist wieder mein Anpassungsmuster.“
Du bist nach einem anstrengenden Tag gereizt.
Sofort fragst Du Dich, warum Du Deine Gefühle noch immer nicht besser regulieren kannst.
Du verschiebst eine Aufgabe.
Und schon beginnt die Suche nach Deinem nächsten inneren Widerstand.
Doch nicht jede Handlung muss ausführlich analysiert werden.
Vielleicht warst Du einfach müde.
Vielleicht hattest Du zu wenig Zeit.
Vielleicht war die Situation unübersichtlich.
Vielleicht hast Du eine Entscheidung getroffen, die Du im Nachhinein anders treffen würdest.
Das gehört zum Leben.
Wir müssen nicht aus jeder Reaktion ein persönliches Entwicklungsthema machen.
Und wir müssen auch nicht jede Eigenschaft, die uns gelegentlich Schwierigkeiten bereitet, vollständig verändern.
Manchmal genügt es, zu wissen:
„In solchen Situationen neige ich dazu, schnell zuzustimmen.“
Dieses Wissen kann Dir helfen, künftig bewusster hinzuschauen.
Du musst deshalb nicht versprechen, nie wieder vorschnell Ja zu sagen.
Wann aus Beobachtung ein nächster Schritt werden kann/ darf
Vielleicht bemerkst Du über mehrere Tage hinweg, dass Du häufig zusätzliche Aufgaben übernimmst.
Du erkennst, in welchen Situationen das geschieht und was dabei für Dich eine Rolle spielt.
Irgendwann entsteht daraus vielleicht ein Wunsch.
„Ich möchte mir künftig etwas mehr Zeit nehmen, bevor ich zusage.“
Jetzt kann ein konkreter Schritt sinnvoll werden.
Du könntest Dir beispielsweise vornehmen, bei der nächsten Anfrage zunächst zu antworten:
„Ich schaue kurz, was ich heute noch erledigen muss, und sage Dir dann Bescheid.“
Vielleicht funktioniert das gut.
Vielleicht fühlt sich dieser Satz zunächst ungewohnt an.
Vielleicht stellst Du auch fest, dass er in Deiner konkreten Arbeitssituation nicht praktikabel ist.
Dann kannst Du erneut überlegen, welche andere Möglichkeit es gibt.
Das Entscheidende daran:
Du hast nicht versucht, Dein gesamtes Verhalten auf einmal zu verändern.
Du hast eine Beobachtung gemacht, eine Möglichkeit entwickelt und ausprobiert.
Und Du darfst anschließend entscheiden, ob Du dabei bleiben möchtest.
Veränderung muss kein Kampf gegen das sein, was Du gerade bist. Sie kann auch aus einem besseren Verständnis Deiner Möglichkeiten entstehen.
Dein Impuls für diese Woche: Wahrnehmen, ohne sofort zu handeln
Ich möchte Dich zu einem kleinen Experiment einladen.
Wähle eine vertraute Reaktion, die Du bei Dir gelegentlich beobachtest.
Vielleicht rechtfertigst Du Dich schnell.
Vielleicht übernimmst Du mehr Verantwortung, als Du möchtest.
Vielleicht wirst Du ungeduldig, wenn etwas nicht nach Plan läuft.
Nimm Dir für die kommenden Tage nicht vor, dieses Verhalten unbedingt abzustellen.
Versuche stattdessen, es zunächst etwas genauer kennenzulernen.
Wenn Du es bemerkst, kannst Du Dich fragen:
Was geschieht gerade?
Beschreibe die Situation möglichst sachlich.
Was nehme ich bei mir wahr?
Vielleicht einen Gedanken, ein Gefühl oder eine körperliche Empfindung.
Muss ich jetzt tatsächlich etwas verändern?
Vielleicht ist eine Handlung notwendig. Vielleicht möchtest Du eine Grenze aussprechen. Vielleicht kannst Du die Situation aber auch zunächst beobachten.
Was möchte ich später noch einmal betrachten?
Manche Fragen lassen sich besser beantworten, wenn der unmittelbare Druck vorüber ist.
Du musst diese Übung nicht perfekt durchführen.
Und Du musst auch nicht jeden Tag darüber schreiben.
Vielleicht fällt Dir Deine Reaktion erst Stunden später auf.
Dann ist eben das der Moment, in dem Du sie bemerkst.
Es geht nicht darum, Dich ständig selbst zu überwachen.
Sondern darum, Dir gelegentlich einen bewussten Blick auf Dein eigenes Erleben zu erlauben.
Dinge dürfen auch einmal unfertig bleiben
Vielleicht hast Du in den vergangenen Monaten bereits einiges über Dich herausgefunden.
Du hast Zusammenhänge erkannt, Entscheidungen hinterfragt oder bestimmte Verhaltensweisen besser verstanden.
Und vielleicht gibt es noch immer Situationen, in denen Du genauso reagierst wie früher.
Das muss nicht bedeuten, dass Deine bisherigen Erkenntnisse wertlos waren.
Du darfst Dir Zeit nehmen, um herauszufinden, was Du damit anfangen möchtest.
Manche Veränderungen entstehen durch eine bewusste Entscheidung.
Andere brauchen wiederholtes Ausprobieren.
Und manchmal stellst Du fest, dass Du überhaupt nichts an Dir verändern musst, sondern Deine äußeren Umstände genauer betrachten möchtest.
Nicht jede Erkenntnis braucht sofort eine Lösung.
Nicht jede Beobachtung muss zu einer neuen Übung werden.
Und nicht jeder Tag muss ein weiterer Schritt auf irgendeinem persönlichen Entwicklungsweg sein.
Du darfst etwas verstanden haben und es für heute einfach dabei belassen.
Vielleicht ist das gerade der Raum, den Du brauchst.
Im nächsten Artikel am 25. Oktober wechseln wir die Perspektive: Was kann entstehen, wenn wir unsere Erfahrungen nicht nur allein betrachten, sondern uns in einem achtsamen Gruppenrahmen mit anderen Menschen begegnen?
Alles Liebe,
Tina
Vertrauen statt Angst
Wichtiger Hinweis
Meine Arbeit ersetzt keine Psychotherapie, keine ärztliche Diagnose und keine medizinische Behandlung. Sie kann ergänzend einen achtsamen Raum für Selbstwahrnehmung, Stressentlastung, innere Orientierung und gemeinsames Sortieren bieten.
Lass uns gemeinsam herausfinden, was du gerade wirklich brauchst.
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